SoliMed Köln

    • Infomaterial
    • Neu

      Wir möchten uns als Gruppe „SoliMed Köln“ zu der aktuellen Corona-Situation äußern. Wir sind Menschen, die das Thema Gesundheit seit vielen Jahren beschäftigt. Zusammen setzen wir uns damit auseinander, wie Gesundheit und Krankheit von den (kapitalistischen) Verhältnissen, in denen wir leben, beeinflusst werden (1). Unser Ziel ist es, ein Stadtteilgesundheitszentrum aufzubauen, das sogenannte soziale Determinanten, also z.B. Einkommensunterschiede, Lebens- und Arbeitsbedingungen und Diskriminierungserfahrung, als wesentliche Einflussfaktoren für die Entstehung von Gesundheit und Krankheit begreift und Verhältnisse konkret verändern will (2). Zurzeit bieten wir noch keine medizinische Versorgung an. Auch wir haben keinen Masterplan für die jetzige Situation und unsere Überlegungen haben keinen Anspruch darauf, die Situation allumfassend zu analysieren. Genau wie für alle anderen Menschen ist diese Situation für uns neu. Gerade deswegen finden wir eine Reflexion der Geschehnisse und einen Austausch aus herrschaftskritischer Perspektive wichtig.

      Corona trifft nicht alle Menschen gleich

      Menschen mit Vorerkrankungen sind stärker durch eine Coronavirus- Infektion bedroht. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erkrankung bei ihnen einen schweren Verlauf nimmt, ist – nach jetzigen Zahlen – deutlich größer. Vorerkrankungen sind in der Gesellschaft aber nicht gleich verteilt. Arme Menschen sind im Durchschnitt kränker als reiche Menschen. Die Verhältnisse, in denen Menschen leben, haben einen großen Einfluss auf ihren Gesundheitszustand. Ärmere Menschen sind damit von den gesundheitlichen Folgen des Virus mehr betroffenen als Reiche. Die Unterschiede im Zugang zu medizinischer Versorgung kommen hier noch dazu.

      Neben den gesundheitlichen Folgen treffen auch die Arbeits- und Alltagseinschränkungen die Vulnerablen der Gesellschaft stärker: Menschen aus prekären Arbeitsverhältnissen, die im Krankheitsfall oder bei einem Lock Down keine Lohnfortzahlung bekommen, sind in vielen Fällen sehr schnell in finanziell existentiell bedrohlichen Situationen. Dies betrifft u.a. Künstler_innen, Minijobber_innen, Sexarbeiter_innen, Arbeitsmigrant_innen und Freiberufler_innen. Viele Tafeln schließen ihre Türen, wodurch eine Lebensmittelversorgung von Menschen, die darauf angewiesen sind, plötzlich fehlt. Beratungsstellen schließen und wohnungslose Menschen haben weder Zugang zu sicheren Räumen noch zu Geld. In China und Italien zeigt sich bereits, dass im Ausnahmezustand häusliche und sexualisierte Gewalt (v.a. gegen Frauen und Kinder) deutlich zunimmt.(3) Während Gemeinschaftseinrichtungen geschlossen und größere Menschenansammlungen verhindert werden, leben Geflüchtete in zunehmend überfüllten Massenunterkünften, in denen ihnen trotz geschlossener Beratungsstellen und nicht verfügbarer Anwält_innen weiterhin abgelehnte Asylbescheide drohen. (4)
      In Deutschland wie auch weltweit trifft der Virus somit sowohl in seinen gesundheitlichen als auch in seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen die ärmeren und vulnerablen Menschen in unserer Bevölkerung deutlich härter als die Wohlhabenden (5)

      Die Krise fällt nicht vom Himmel

      Seit den 1980ern wird das Gesundheitswesen in Deutschland zunehmend ökonomisiert und privatisiert. (6) Die Milliarden aus den Beiträgen der lohnabhängig Arbeitenden dienen zu erheblichen Anteilen den Profiten der Pharma- und privaten Klinikkonzerne. Die dabei erreichte Qualität der medizinischen Angebote ist trotz vergleichsweise hohen Beträgen von ca. 1 Mrd. € pro Tag (7) nicht besser als in Systemen in Ländern mit geringeren Gesundheitsausgaben. Bereits vor der Corona-Pandemie befand sich das Gesundheitssystem in einem Krisenzustand.
      Wirtschaftliche Überlegungen bestimmen statt medizinischer Notwendigkeiten über Behandlungen und Arbeitsbedingungen: Jährlich sterben 10.000-20.000 Menschen an vermeidbaren Krankenhausinfektionen (8), eine schwer zu beziffernde Zahl an Rücken-, Knie- und Hüftoperationen werden nicht zuletzt aus Profitgründen durchgeführt, Pflegekräfte werden weder anständig bezahlt noch in ihrer Arbeit gewürdigt und im ambulanten Bereich blüht zunehmend eine Kultur der privaten Nebeneinnahmen bei ebenfalls nur mäßiger Qualität und Menschlichkeit.

      Bereits 2012 hat die Bundesregierung eine Risikoanalyse in Auftrag gegeben, die den Ausbruch eines „SARS“-Erregers im Rahmen einer Pandemie hier in Deutschland durchspielt.(9) Beinahe hellseherisch sind die Ähnlichkeiten zur aktuellen Situation. Die eindeutige Prognose der Risikoanalyse war, dass das Gesundheitssystem unter den Anforderungen zusammenbrechen würde. Doch anstatt eine Gesundheitsversorgung zu schaffen, die bestmöglich auf eine Pandemie vorbereitet ist, wurde das Gesundheitswesen immer weiter nach betriebswirtschaftlichen Kriterien und reiner ökonomischer Effizienz ausgerichtet. Das bekommen wir jetzt mehr denn je zu spüren. Maßnahmen wie Ausgangssperren, Betriebsschließungen, Kita- und Schulschließungen werden erst dadurch nötig, dass es die berechtige Sorge vor einem Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung gibt.

      Umgang mit der Ausnahmesituation

      Es gibt konkrete Dinge, die wir als Individuen tun und beachten können.
      Es fängt beim richtigen Händewaschen an. Es klingt banal und steht überall, doch ist es eine einfache und effektive Maßnahme.(10) Wir brauchen saubere Hände und es ist hilfreich, wenn wir wissen wie wir sie richtig waschen. Gleichzeitig geht in der ganzen „Händewaschen und Desinfizieren“- Predigt oft unter, dass sauber nicht gleich steril ist. Wir brauchen saubere Hände, keine sterilen. Das Außen ist nicht unser Feind: weder die Menschen im Nachbarhaus, noch auf der anderen Seite einer Grenze, noch die meisten der Mikroorganismen um uns herum. Die Vorstellung, dass wir alles säubern müssen und uns isolieren um uns zu schützen (egal ob vor Menschen oder Mikroorganismen) verursacht bei vielen Menschen Angst. Angst wiederum setzt in unserem Nervensystem Stresskaskaden in Gang, die unsere Kooperationsfähigkeit herabsetzen, eine innere Anspannung verursachen und unser Immunsystem schwächen.

      Trefft überlegte Entscheidungen, wen ihr trefft und wen nicht. Nur weil diese Forderung gerade auch von staatlicher Seite kommt, wird sie damit nicht falsch. Das Schützen von Risikogruppen ist wichtig. Gleichzeitig sind aber auch die Auswirkungen von Einsamkeit und Isolation nicht zu unterschätzen. Erste Untersuchungen in China zeigen, wie dramatisch die psychosozialen Folgen einer massenhaften Quaratäne sind.(11) Menschen entwickeln Angstzustände, Depressionen, Suizidgedanken und Posttraumatische Belastungsstörungen. In jeder Situation müssen wir jetzt neu beurteilen, welches Verhalten wir für richtig halten und gleichzeitig aushalten, wenn wir nicht alle zu denselben Entscheidungen kommen. Machtstrukturen müssen besprechbar und kritisierbar bleiben ohne den moralischen Vorwurf, Risikogruppen nicht schützen zu wollen. Die jetzige Ausnahmesituation ist genauso vielschichtig wie das Leben immer ist und es lohnt sich zu versuchen, die verschiedenen Aspekte und Widersprüche zumindest anzuerkennen und möglichst diskutierbar zu machen.
      The Father of all Motherfuckers...
      rattadan@riseup.net
      PGP Keyserver: keys.openpgp.org