What Elsi?

    • Elsi lebt / Basel
    • Elsi lebt / Basel :

      Megafon-Artikel vom September 2019:

      What Elsi?

      Schon zum vierten Mal wurde die Elsässerstrasse 128/130/132 nun besetzt. Es wird nicht locker gelassen. Schafft Elsi es in Basel zur Vorreiterin einer anderen Stadt zu werden?

      Die Elsi feierte am 31. August ein Fest. Es gab keinen spezifischen Anlass, Gründe dazu gab es genug. Die Besetzung dauerte schon seit dem 11.04.2019 an, ein Rekord.
      Vorangegangen waren drei gescheiterte Versuche, die die Besetzer*innen aber nicht ermüden liessen. Zu schön die Fischgrätparkettböden, zu wichtig der Standort mitten im St. Johann, direkt neben der Novartis. Gleich drei Wohnhäuser, ein Innenhof und ein Hinterhaus, welches vorher vom Archäologischen Institut Basel gemietet wurde. Nur eine kurze Zeit stand es leer, die Pläne für einen Neubau schon in Bearbeitung.

      Am Montag, dem 11.06.2018 wurde es dann zum ersten Mal besetzt. Das Kollektiv ZÄT BAP verschaffte sich Zugang zu den Liegenschaften und hängte farbige Transparente nach draussen. Schon einen Tag später wurden sie vom Abwart wieder abgehängt, also quasi geräumt. Während der kurzen Besetzung war es aber möglich Kontakt mit Eric Hägler zu haben. Einem Mitglied des Verwaltungsrates von Areion Managment AG. Diese undurchsichtige Aktiengesellschaft ist die Besitzerin der Liegenschaften. Eric Hägler signalisierte totales Unverständnis für die Besetzenden. Ihre Vision für die Liegenschaften sind grösstenteils 2½-Zimmerwohnungen zu einem Preis von 1‘420.- pro Monat. Der Abriss und Ersatzbau seien seit 2014 in Planung, und schon in den nächsten Wochen soll dies bewilligt werden. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch gar kein öffentliches Baugesuch.

      In weniger als zwei Wochen war das Haus dann nicht abgerissen, dafür wieder besetzt. Es wurde erneut ein Communiqué an die Areion Managment AG geschickt und an die Nachbar*innen verteilt. Wieder ersuchten die Besetzer*innen den Kontakt mit Herrn Hägler, erneut stiessen sie auf wutentbrannte Ablehnung. Nach drei Tagen, am Montag dem 25.06.2018, standen dann plötzlich Kastenwägen und Feuerwehrautos vor der Elsi. Über den Balkon wurde noch lautstark verhandelt als die einen die Barrikaden durchsägten und die anderen sich aus dem Staub machten. Zu Festnahmen kam es nicht, diesmal war es aber eine polizeiliche Räumung. Zu dem wurden Zugänge zugemauert um weitere Besetzungen zu verhindern.

      Dann kam es zur dritten Besetzung am Samstag dem 13.10.2018. Am vierten Tag schlich sich die Polizei heimlich in den frühen Morgenstunden an und brach mit Rammbock und Radau die Barrikade auf. Aber auch diesmal kam mensch noch rechtzeitig davon und niemand wurde festgenommen. Verwirrend war aber, dass die Polizei die Aktion als Kontrolle bezeichnete und nicht als Räumung. Unklar ist ob generell Besitzer von Liegenschaften im Falle einer mehrmaligen Räumung die Einsatzkosten selber tragen müssen. Wäre dem so, hätte die Kantonspolizei der Areion Managment AG einen grossen Gefallen getan.

      Nach der Räumung liess die Areion Managment AG mehrere WCs mit Vorschlaghammern einschlagen, Fenster kaputt machen oder aushängen, und ganze Treppen herausreissen. Das Ziel war die Häuser unbewohnbar zu machen, dies obwohl noch nicht mal die Einsprachefrist für den Abriss zu Ende war.

      Langsam ging aber etwas rund um das Bauvorhaben an der Elsässerstr. 128-132.
      Aufgrund der vielen Einsprachen und dem öffentlichen Druck hat sich der Denkmalschutz eingeschaltet. Er eröffnete ein Moratorium zur Frage, ob die Liegenschaften unter Schutz gestellt werden sollten. Für diese Untersuchung nahm sich die Behörde ein Jahr Zeit, das hiess ein Jahr Baustopp für die Elsi.
      Die über hundert Einsprachen und das Petitionskomitee positionierten sich klar gegen die Luxusbauten. Auch der Mieterverband und der neutrale Quartierverein St. Johann wollten sich nun gegen das Projekt an der Elsässerstrasse wehren. Die Besetzungen zeigten langsam Wirkung.

      Am 11. April 2019 wurde die Elsi zum vierten Mal besetzt. Es folgten Renovationsarbeiten. Die Treppen mussten neu eingesetzt und die Fenster ersetzt werden. Nach und nach wurden die Wohnungen wieder belebbar gemacht. Die zugemauerten Zugänge wurden eingerissen und mit den Ziegelsteinen Hochbeete gebaut. Zu der Besetzung gehört auch eine kleine Ladenfläche in welcher regelmässig Veranstaltungen stattfinden. Haare werden dort geschnitten und das Beer&Chips hat sich etabliert (immer Donnerstags 18-22Uhr). Im Innenhof gab es einen Kater-Brunch. Eine Performance eines mexikanischen Künstlers fand statt und während einem Quartierfest wurde der Free-Shop kurzerhand zum Flohmistand auf Kollektenbasis. Die Elsi lebte wieder! Nachbar*innen zeigten sich solidarisch, legten in der Anfangsphase Essen in die Körbe für die Vermummten auf dem Balkon, hingen Fahnen aus dem Fenster, Quartier selber machen steht auf ihnen.

      Zurück zum Fest vom 31. August. Auch dort waren Nachbar*innen gekommen. Es gab Crépes und Pizza, Hausführungen und Barbetrieb. Ein paar Menschen erzählten von ihren Erlebnissen im Hambacher Forst. Menschen die schon lange nicht mehr in der Elsi waren wirkten erstaunt, wie viel passiert ist. Gespannt lauschten die Besucher*innen Geschichten über tanzende Tische und Bäume, die über Stadtplanung sprachen. Als die Gruppe Recht auf Stadt einen Workshop zum Thema Stadtaufwertung initiierte, kam ein etwa sechzig jähriger Mann dazu. Er wohne seit 30 Jahren im St. Johann, und es interessiere ihn, was die jungen Menschen, die hier Lärm machen und das Haus geschmückt haben, so denken.

      Die Gruppe Recht auf Stadt befinde sich momentan in einer Umstrukturierung. Seit 3 Jahren organisiere die Gruppe einen Häusertreff mit dem Anspruch zur Hilfe zur Selbsthilfe. Dieser wird nun stoppen, um sich gemeinsam neue Handlungsstrategien zu erarbeiten. Doch die Ansprüche, isolierte Häuserkämpfe zu verbinden, Netzwerke zu schaffen und Entwicklungen zu überblicken bleiben.
      Entwicklungen der Stadt Basel versuchen zu verstehen ist nicht einfach, denn die Aufwertung passiere seit mehr als 20 Jahren auf mehreren Ebenen. Wegweisend für die neue Stadtpolitik war die Werkstadt Basel von 2000, bei der es darum ging, Basel-Stadt von einer A-Stadt (Alte, Arme, Auszubildende, Arbeitslose, Ausländer*innen und Ausgegrenzte) in ein wettbewerbsfähiges Steuerparadies zu verwandeln. Dies konzentrierte sich vor allem auf die Quartiere Klybeck, Kleinhüningen und St. Johann. Dabei wurde zum Beispiel die Nordtangente, eine Autobahn welche die Verbindung zu Frankreich schafft, unterirdisch gemacht. Dafür wurden dutzende alte Häuser abgerissen.
      2005 wurde das Papier MetroBasel2020, von einer breiten wirtschaftlichen Trägerschaft gestützt und veröffentlicht. In diesem wurde Basel als kommendes Life Science-Cluster vorgestellt. Life Science ist die eigene Bezeichnung für Chemie und Pharmaindustrie. Novartis, Roche und Syngenta wurden immer wichtiger in der Stadtentwicklung, bauten sich riesige Hauptsitze, kauften Häuser auf und zerstörten das bisherige Quartierleben. Im St. Johann wurde kleines Gewerbe nicht mehr wettbewerbsfähig durch die Mietpreissteigerung. So verschwanden Orte für Vernetzung, für Austausch, Orte an denen soziale Strukturen gepflegt werden konnten.
      Gewichen sind sie beim Beispiel St. Johann dem Novartis Campus auf dem die Mitarbeiter*innen des Pharmakonzerns arbeiten und ihre Freizeit verbringen sollen. Der Campus ist eine Stadt in der Stadt, welche ein produktives Wohlbefinden auslösen soll.
      Immer mehr kam es dazu, dass Boden privatisiert wurde und durch Fonds von Versicherungen, Pensionskassen, Banken und Investmentgruppen für anonymisierte Renditenanlagen gebraucht wurde. Mit dieser Entwicklung kam es zur Gentrifizierung, zur Aufwertung von Quartieren in Basel. Die Konzerne zogen hochqualifizierte Arbeiter*innen mit sich, die um einiges mehr zahlen konnten als die früheren Bewohner*innen des Quartiers. Der Stammtisch wurde kurzerhand zur Yuppie-Bar.

      Die Regierung von Basel-Stadt unternahm nichts. Obwohl sich eine Mehrheit der Einwohner*innen zu gleich vier Mal Ja für mehr Mietrecht und gar einem Grundrecht auf Wohnen aussprach um diese Entwicklung zu stoppen, geht es weiter in die entgegengesetzte Richtung. Es kommt immer noch zu Massenkündigungen. Bei sozialem Wohnungsbau wird meist auf Stiftungen hingewiesen und gegen das Ausbreiten der Grosskonzerne wird nichts getan.

      Es liegt also an uns, an den Bewohner*innen der Stadt selbst, die andauernde Auslagerung an Private zu unterbrechen und ein Recht auf Stadt einzufordern. Wir müssen endlich die Lücke zwischen konkretem Kampf und der Utopie füllen. Menschen haben sich schon immer gegen die Aufwertung gewehrt, wir sollten uns in diesem historischen Kontext verstehen. Wir müssen eine breite Basis in allen Gesellschaftsebenen aufbauen und endlich Handlungsfähig werden. Die Elsi könnte zu einer Werkstatt werden für widerständischen Alltag, ein kommunales Zentrum zum selber machen. Wir brauchen Räume wo wir unsere Träume leben können und Achtsam sind für die, die sonst keine Achtsamkeit erfahren.

      Lasst und die Stadt zurückerobern!
      Elsi lebt!
      Weitere Infos auf www.bseite.info

      Quelle: elsilebt.blackblogs.org/2019/11/07/what-elsi/