„Backhaus“-Besetzung? Find’ ich gut

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      Ein Haus der Begegnung hätte sie werden können, die besetzte Villa in Frankfurt. Aber das hätte ja den „Hausfrieden“ der Eigentümerin gefährdet. Also: Räumung. Die Kolumne.

      Eigentlich hat die Initiative „Social Hub“ mit ihrer Hausbesetzung am 5. Oktober im Frankfurter Stadtteil Bockenheim alles richtig gemacht. Zunächst die Objektwahl: Das historische Gebäude „Backhaus“ steht seit längerer Zeit leer, der Abriss zugunsten eines Luxus-Wohnkomplexes konnte bislang abgewendet werden, und außerdem ist das Haus Teil der Erhaltungssatzung. Die sieht vor, Stadtteile vor Gentrifizierung zu bewahren, indem sie städtebauliche Eigenarten ebenso zu erhalten zwingt wie die Bevölkerungsstruktur.

      Auch in Frankfurt-Bockenheim kann bereits jedes Kita-Kind „Gentrifizierung“ buchstabieren. Mit der Idee eines sozial genutzten Raumes vor Ort rennt man entsprechend im gebeutelten Stadtteil offene Türen ein. Konzepte wurden dem Ortsbeirat bereits Mitte 2018 vorgestellt, doch die Stadt, übersetzt CDU, SPD und Grüne, hatte bislang wenig Interesse, das Haus in öffentliches Eigentum umzuwandeln und gemeinnützig zu erschließen.
      Öffentlichen Raum der Spekulation zu opfern, ist seit Jahren eine Spezialität Frankfurts

      Nun, dann ist halt irgendwann mal Schluss mit lustig, es ist ja nicht der einzige Lebensraum in Frankfurt, den man sehenden Auges vor sich hingammeln lässt. Nur scheint die beliebte Strategie, auszusitzen, bis sich keiner mehr drum schert, in der Causa „Backhaus“ nicht aufzugehen. Die Leute lassen nämlich nicht locker, und wer am Tag der Besetzung vor Ort war, erlebte eine seltene Koalition aus den unterschiedlichsten Milieus, die sich in einer Sache einig war: „Besetzung? Find’ ich gut.“

      Drei Tage später im Morgengrauen kam die Polizei mit Großaufgebot samt Räumpanzer. Die Leute wurden aus dem Backhaus getragen. Man habe im engen Kontakt zu der Eigentümerin weitere „Straftaten in Form von Hausfriedensbrüchen“ verhindern wollen, hieß es.

      Eine zwar korrekte, dennoch denkbar unpassende Formulierung, die die Problemlage völlig verschleiert. Es wurde doch nicht der Frieden eines leer stehenden Gebäudes gebrochen, sondern vielmehr der Seelenfrieden einer Eigentümerin, die kein Interesse an Öffentlichkeit hat, sondern den Kasten wohl am liebsten dem Erdboden gleichmachen würde, und zwar besser heute als morgen.

      Im Kontext des friedlichen Miteinanders muss die Frage erlaubt sein, wer hier eigentlich eine Straftat begeht. Öffentlichen Raum der Spekulation zu opfern, ist seit Jahren eine Spezialität Frankfurts, als hätte sich die Politik ihrer Verantwortung für die Leute, die sie möglicherweise irgendwann einmal gewählt haben, längst entledigt.
      „Social Hub“ hat alles richtig gemacht

      Beispiel Europaviertel: Die Ecke war einst eine der besten Lagen im Stadtgebiet, doch was lässt die Politik zu? Eine lebensfeindliche Betonwüste, die etwa so viel Lebendigkeit transportiert wie eine tiefgekühlte Makrele vom Discounter. Diese Stadt öffnet ihr Herz bereitwillig jedem Investor, dem gewachsene soziokulturelle Strukturen als natürlicher Feind – Analogie: Räumpanzer und Hausbesetzung – vorkommen müssen.

      Das macht Wohnungsdezernent Mike Josef (SPD) auch nicht wett, wenn er behauptet, „bezahlbaren Wohnraum“ schaffen zu wollen. Denn selbst für „bezahlbaren Wohnraum“ müsste kein als Treffpunkt geeigneter Ort weichen, wenn parallel Häuser als Spekulationsobjekte vermodern.

      Abgesehen davon hat es der Hülya-Platz, an dem die Villa steht, nicht verdient, zuzementiert zu werden. Der Ort wurde nach der neunjährigen Hülya Genc benannt, die 1993 von Neonazis in Solingen ermordet wurde. Was passte dort besser hin als eine offene Begegnungsstätte? Wie gesagt, „Social Hub“ hat alles richtig gemacht.
      fr.de/meinung/frankfurt-bocken…etzung-find-13084465.html