Redebeitrag AWIRO

    • Budhilde / Rostock
    • Redebeitrag AWIRO

      Budhilde / Rostock schrieb:

      REDEBEITRAG VOM „AWIRO“ AUF DER „WOHNRAUM FÜR UNS ALLE“-DEMO AM 24.11.18

      Wir stehen hier in der Niklotstr. 5 und 6 vor den Projekthäusern des Vereins Alternatives Wohnen in Rostock, die seit Ende der 90er Jahre durch uns belebt, bewohnt und vielfältig genutzt werden.

      Die Geschichte des Awiro begann jedoch schon früher und wurzelt mit den beginnenden 90er Jahren in einer Zeit, die viele Leute vor zahlreiche politische und soziale Herausforderungen stellte. Offene Nazigewalt auf der einen und der Bedarf nach sozialverträglichem Wohnraum, der gemeinsam und in einem solidarischen Einvernehmen gestaltet und verwaltet werden sollte, auf der anderen Seite – waren die Kennzeichen der Zeit und des politischen Engagements, aus welchem unter anderem der Awiro hervorging. Häuser wurden besetzt und Rückzugsorte vor Nazis verteidigt. In den Wirren dieser „wilden“ Jahre entstand der Awiro und schon bald sollten diese Häuser in der Niklotstraße zum Zentrum unserer Aktivitäten werden.

      Damals wie heute heißt „alternatives Wohnen“ für uns, nach Möglichkeiten des selbstbestimmten Miteinanders abseits der sozialen Konditionierung bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse zu streben und insbesondere auch für all jene Leute einen Anlaufpunkt, einen Freiraum zu bieten, in dem erdacht und probiert werden kann, wie ein auf Solidarität bauendes Miteinander aussehen kann, die sich allzu oft uneinhaltbarer gesellschaftlicher Erwartungen, Diskriminierung und vorenthaltener Teilhabe ausgesetzt sahen und sehen. Darüber hinaus sollen von diesem Ort aber auch Impulse der Ermutigung ausgehen, sich sozial und politisch zu engagieren, statt lediglich festzustellen, dass diese Welt, so wie sie ist, nicht die Richtige sein kann.

      Offene Projektwerkstätten, das Café Median als zentraler Anlaufpunkt, Räumlichkeiten für Plena, Vorträge, Workshops und im Grunde alle denkbaren Ideen, die lediglich auf ihre Verwirklichung warten, prägen seit jeher unser Hausprojekt, diese Straße und letztlich auch ein Stück weit den politischen Charakter dieses Stadtteils insgesamt.

      Ohne Frage, wir können noch viel mehr aus diesen Häusern holen und noch viel mehr Menschen, die mit uns in dieser Nachbarschaft gemeinsam leben, sollen ermutigt werden, sich zu engagieren und unsere Projekthäuser auch als die ihren zu begreifen. Doch so schön und vielversprechend unsere Visionen einer solidarischen Nachbarschaft auch sein mögen, so groß und symptomatisch für die gesellschaftliche Ordnung und sich am Horizont abzeichnende Trendwenden sind zugleich die wegweisenden Herausforderungen, vor denen unser Projekt steht.

      Als Mieter*innen der Wiro sind unsere Träume auf Pump gebaut. Der in den 90er Jahren geschlossene Rahmenmietvertrag, der die Grundlage unseres Lebens und Schaffens in diesen Häusern bildet, läuft 2023 aus. Was bei Bezug dieser Häuser als existentielle Herausforderung für den Awiro und seine Projekthäuser noch in weiter Ferne lag, liegt jetzt nur noch einen relativ kurzen Zeitraum entfernt.

      Wohin überdies der gesellschaftliche Wandel geht, ist ungewiss, wie folglich auch die soziale Akzeptanz, die wir als Projekt oder eben hinsichtlich unserer selbstgewählten Lebensentwürfe erfahren. Derzeit zeigt sich Rostock bunt, laut, kreativ und zahlenmäßig überlegen gegenüber den Teilnehmer*innen der unablässlichen AfD-Mobilisierungen. Nichtsdestotrotz ist der Wind rauher geworden und die Versuche der sozialen Diskreditierung und Kriminalisierung durch die politische Rechte nehmen zu. Dies betrifft keineswegs nur uns, sondern beispielsweise auch unsere Freund*innen vom JAZ und Peter-Weiss-Haus. Auch die Gewalt und Anfeindungen durch Neonazis sind kein Gespenst aus den unübersichtlichen 90er Jahren, sondern intensivierten sich in den vergangenen zwei Jahren wieder massiv.

      Entmutigen lassen wir uns davon jedoch nicht!

      Wir wollen diese Häuser als links-alternative Projekthäuser über das Jahr 2023 hinaus erhalten und dem freien Markt, der uns offenkundig kein Recht auf Wohnen garantieren kann, entziehen. Um sozialverträglichen Wohnraum zu garantieren und unseren Stadtteil auf Grundlage unserer Prämissen der Toleranz, des Antirassismus und Antifaschismus, der sexuellen Selbstbestimmung und der Ablehnung kapitalisitischer Verwertungslogik aktiv mitzugestalten, haben wir uns entschlossen, die Häuser zu kaufen. Gegenwärtig befinden wir uns in Verhandlungen mit der Wiro und geben unser Bestes.

      Quelle: budhilde.blogsport.de/2019/02/13/redebeitrag-awiro/